Text für die Ausstellung: „5541km“

5541 km
Mari Iwamoto / Despo Sophocleous
13.-17. März 2019

Der Blindgänger

Die Bombe fliegt durch die Luft. Nicht nach oben wie die ersten Bomben, die nur ein schönes Feuerwerk meinten, sondern nach unten. Denn sie will Zerstörung; ihr Gesicht im Untergang ist schwarz und ernst. Dort unten ist eine Welt aus Beton und Glas, ja wohnlich und angenehm, aber auch starr und unbeweglich. Alles das soll heute ein Ende nehmen. Sie will ein neues, grünendes Leben; dazu braucht es aber zuerst Asche! So fällt sie.

Was ist passiert? Sie steckt jetzt tief im Erdreich, im Dunklen. Das Ziel hat sie nicht verfehlt, wohl aber sich selbst. Tragisch! Sie ist blind, kann sich nicht mehr zünden, nicht mehr das Chaos herbeiführen, das so bitter nötig ist. Sie schläft jetzt, um zu träumen, und träumt, um im Schlaf zu bleiben: So träumt sie von der großen Explosion.

Die Flammen gehen in allen Richtungen auf, das Licht blendet alle Augen. Alle Widerstände brechen, alles Gehemmte kommt endlich zum Fließen, durch alles strömt ein gewaltiges Leben. Doch dann wacht sie aus dem Traum auf, und fragt sich: Ist die große Explosion wirklich noch möglich? Kann ich mir noch selbst zur Gefahr werden? Sicherlich! So hängt sie, ein Fragezeichen und Ausrufezeichen zugleich, wie ein Anker, im Hinterzimmer unserer Seele.

 

„Blindgänger“ von Mari Iwamoto

 

 

Killing Time 

Wenn die schöpferische Kraft als Sinnlosigkeit erfahren wird, kann die Arbeit zum reinen Zeitvertreib werden. Ein solches Ausfüllen der Zeit tötet die Zeit, dass sie zum Stehen kommt, und die schöne Spur ihrer leeren Arbeit nun sichtbar wird.

When creative energy is experienced as meaningless, labour can become a pure pastime. Filling out time in this manner kills the time, making it stand still – so that we can witness the beautiful trace of its empty labour.

 

„Killing Time“ von Mari Iwamoto

 

Wege des Vergessens

Zu Arbeiten von Despo Sophocleous

 

Hat unsere Sprache einen Namen für etwas, das einmal war, aber jetzt nicht mehr ist? Für ein Gebäude, das jetzt z.B. nicht mehr steht? Wir sagen „das Vergangene“, und wollen schon weiterlaufen. Aber damit geben wir nur zu, dass wir nicht bereit sind, die tiefe Vergänglichkeit der Dinge zu akzeptieren. Denn während wir so reden, sprechen wir dem, das vergangen ist, wieder eine Realität zu – wir zwingen es gewaltsam, weiter zu existieren, nämlich als Vergangenes. Wie könnten wir also dem, das verschwunden ist, in seiner vollen Nichtigkeit würdigen? Wie können uns an etwas erinnern, ohne lügen zu müssen?

 

Die Aufschriften auf dem Stadtplan sind verschwunden – auch alle übrigen Informationen sind geschwärzt, übermalt, oder gar herausgeschnitten, dass nur noch skelettartige Strukturen, die aus Straßenverläufen bestehen, geblieben sind. Es sind Spuren einer Stadt, die im Bewusstsein weilte, nun aber verblichen ist; dies ist die Karte einer Stadt, die nicht mehr sie selbst ist, sondern im ewigen Transit liegt (transition). In dieser völligen Abstraktion ist sie das Sinnbild einer Erinnerung, die zugleich ein Vergessen ist. Das Gedächtnismaterial muss hier einen extremen Prozess aktiven Vergessens durchlaufen, bis das Wesentliche in die Erinnerung eingehen kann: nämlich das Vermisste.

 

Echos rufen ebenfalls nach etwas, das keinen angemessenen Namen hat – dem leeren Raum, oder architektonischen Formen, die verloren gegangen sind. Die Hohlformen fügen sich, die Logik unseres Seelenraums nachahmend, zu einer traumhaften Räumlichkeit zusammen. Auch hier ist ein Erinnerungsmechanismus am Werk, das dem Vergessen, dem Verlernen nahekommt. Das Konkrete der Wahrnehmung ist verflogen, es ist nur durch den Widerhall vorhanden. So wie man den leeren Raum auch nicht sehen, aber doch hören kann, sind diese Anhänger Echos aus einer Zeit, die einst war und nie wieder sein wird – und aus deren Vergessenheit wir stets Erinnerungen schöpfen.

 

„Echo“ von Despo Sophocleous

 

 

 

 

 

Text: Sool Park
Fotos: Mari Iwamoto / Sool Park

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